Archiv des Tages: Mai 19, 2026

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Ein Open Source Projekt aus Frust: Hugin Digital Signage

In den letzten Jahren habe ich mich immer öfter dabei ertappt, wie ich mich über Software geärgert habe. Nicht über schlechte Software – die gibt es natürlich auch – sondern über das ganze Ökosystem drumherum.

Für viele eigentlich banale Anwendungsfälle gibt es heute fast nur noch zwei Optionen:
Entweder man bezahlt absurd hohe Lizenzkosten für proprietäre Lösungen, oder man landet bei irgendeinem „Open Source“-Projekt, das am Ende doch hauptsächlich Werbung für eine SaaS-Plattform ist. Kostenlos ausprobieren darf man es vielleicht noch, aber sobald man etwas produktiv nutzen möchte, tauchen plötzlich Limits, Cloud-Zwang oder Abonnements auf. Software mit klassischer Lizenz mit ohne Abo gibt es kaum noch.

Und inzwischen scheint wirklich jede Software ein Abo zu brauchen. Gerade im öffentlichen Bereich merkt man zusätzlich den zunehmenden Kostendruck. Budgets werden kleiner, Anforderungen bleiben gleich oder steigen sogar. Gleichzeitig braucht man für viele alltägliche Probleme eigentlich gar keine riesigen Enterprise-Lösungen mit zehn Management-Portalen, KI-Features und Vertriebsgesprächen. Manchmal braucht man einfach nur eine Software, die genau eine Aufgabe erfüllt.  Lokal. Verständlich. Ohne Vendor Lock-in.

Aus diesem Frust – und ehrlich gesagt auch einfach aus Spaß am Entwickeln – ist schließlich Hugin entstanden.

Was ist Hugin?

Hugin ist eine einfache Open-Source-Lösung für Digital Signage.

Also: Inhalte auf Bildschirmen anzeigen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Idee dahinter war nie, die ultimative Enterprise-Plattform zu bauen. Hugin soll keine Allzwecklösung für jeden Betrieb werden. Aber für Einrichtungen, öffentliche Träger, Schulen, Mensen, Vereine oder Unternehmen, die einfach nur unkompliziert Inhalte auf Displays anzeigen möchten, kann es eine sehr praktische Lösung sein. Vor allem dann, wenn bereits etwas Infrastruktur für Selfhosting vorhanden ist. 

Warum der Name „Hugin“?

Der Name stammt aus der nordischen Mythologie. Hugin ist einer der beiden Raben Odins und steht sinngemäß für „Gedanke“. Irgendwie passte das ganz gut zu einer Software, die Informationen verteilt.

Was Hugin konkret kann

Hugin konzentriert sich bewusst auf die Dinge, die man für einfache Digital-Signage-Setups tatsächlich braucht — ohne unnötigen Ballast.

Zu den Funktionen gehören unter anderem:

  • Verwaltung mehrerer Displays über eine zentrale Weboberfläche
  • Anzeige von Webseiten, Bildern und Videos
  • Zeitgesteuerte Inhalte und automatische Wechsel
  • Playlists und rotierende Inhalte
  • Browserbasierte Anzeige ohne spezielle Client-Software
  • Plugin-System für individuelle Erweiterungen
  • Einfache Integration in bestehende Infrastruktur
  • Vollständiges Selfhosting ohne externe Cloud-Dienste

Die gesamte Software läuft webbasiert. Dadurch braucht man auf den Displays selbst praktisch nur einen Browser.

Hugin Dashboard im Adminbereich. Das Bild zeigt Status Information der Einzelnen Infobildschirme und Informationen über aktuelle Änderungen an den Slides etc an Hugin Playlists / Displays Verwaltung

Typisches Setup

Ein klassisches Setup könnte beispielsweise so aussehen:

  • Hugin läuft auf einem kleinen Server oder einer VM mit nginx + MariaDB
  • Hinter dem Bildschirm hängt z.B. ein Raspberry Pi
  • Chromium oder Firefox läuft im Kioskmodus
  • Der Browser öffnet automatisch die Display-URL von Hugin

Dadurch bleibt die gesamte Lösung extrem flexibel und günstig.

Gerade Raspberry Pis eignen sich dafür hervorragend, weil sie:

  • günstig sind
  • wenig Strom verbrauchen
  • und stabil genug für Dauerbetrieb laufen.

Natürlich funktioniert das Ganze genauso mit Mini-PCs, Thin Clients oder Smart Displays.

Besonderheit für Studierendenwerke: TL1-Speiseplanplugin

Da ich in einem Studentenwerk arbeite, lag ein spezieller Anwendungsfall relativ nahe: Speisepläne.

Deshalb besitzt Hugin ein Plugin für TL1.

TL1 wird in vielen deutschen Studierendenwerken eingesetzt und verwaltet unter anderem Mensa-Speisepläne. Das Plugin kann diese Daten abrufen und direkt auf Displays darstellen.

Das war tatsächlich einer die eigentliche Motivation zum Schreiben der Software.

Kein SaaS. Kein Cloud-Zwang.

Einer der wichtigsten Punkte für mich war:

Die Software soll den Nutzern gehören.

  • Keine Registrierung.
  • Kein externer Dienst.
  • Keine künstlichen Einschränkungen.
  • Keine „Community Edition“, die absichtlich kastriert wurde.

Wenn jemand Hugin nutzen möchte, dann soll das einfach möglich sein.

Natürlich bedeutet Selfhosting auch Verantwortung: Updates installieren, Backups machen, Server betreiben.

Aber viele Einrichtungen haben genau dafür ohnehin bereits Infrastruktur oder Know-how.

Und wenn nicht, dann ist vielleicht eine gehostete Lösung tatsächlich sinnvoller. Das ist völlig okay. Hugin versucht nicht, für alle die perfekte Lösung zu sein.

Ein Projekt aus Frust – aber auch aus Spaß

Am Ende war Hugin vor allem ein Spaßprojekt. Ein Projekt, das aus einem echten Bedarf entstanden ist und gleichzeitig aus dem Wunsch, wieder Software zu bauen, die unkompliziert ist. Nicht alles muss ein Unicorn-Startup werden. Nicht jede Anwendung braucht Investoren. Und nicht jede Software braucht monatliche Gebühren.

Manchmal reicht einfach ein kleines Tool, das ein Problem löst. Und ehrlich gesagt: Genau solche Projekte machen mir inzwischen am meisten Spaß.

Open Source heißt für mich echte Freiheit

Ich glaube, Open Source verliert manchmal ein wenig seinen ursprünglichen Gedanken.

Viele Projekte sind heute technisch zwar offen, praktisch aber eng an eine kommerzielle Plattform gekoppelt. Oft wirkt die freie Version eher wie eine Demo für das eigentliche Produkt.

Genau deshalb habe ich mich bei Hugin bewusst für die GNU Affero General Public License v3 (AGPL v3) entschieden. Wenn jemand die Software verändert und als gehosteten Dienst anbietet, müssen diese Änderungen ebenfalls offen bleiben. Damit soll verhindert werden, dass aus freier Software am Ende wieder ein geschlossenes SaaS-Produkt wird, das zwar auf Open Source basiert, aber der Community nichts zurückgibt.

Ich wollte mit Hugin bewusst den gegenteiligen Weg gehen: vollständig selbst hostbar, offen, nachvollziehbar, ohne versteckte Einschränkungen. Einfach Software, die man benutzen kann.

Das Projekt liegt auf GitHub: https://github.com/Serophos/hugin

Dort gibt es auch Dokumentation und Installationsanleitungen.

Wer Lust hat, kann sich das Projekt einfach anschauen, ausprobieren oder eigene Ideen beitragen.